Boot Camp: Swimrun von Nizza nach Monaco

Wie es dazu kam

Ich dachte an nichts Böses und dann war da die Luftpolsterfolie. Im Forum von WorldofSwimrun.com ging es um das Tuning der Neoprenanzüge und ich präsentierte „the Mic Trick“, also Bubble Wrap als Auftriebshilfe im Anzug. Daraus entstand ein Dialog mit meinem Nizza-Partner Francois und sein Angebot, im April an der Cote d’Azur in die Swimrun Saison zu starten konnte ich nicht ablehnen. Zumindest nach meinem Check der zu erwarteten Wassertemperaturen – ca. 14 Grad sind zwar etwas knapp, aber auch nicht total abschreckend.

Es ging um einen „confidential Swimrun“ („Guerilla Racing“ gefällt mir besser) als Streckentest für 2017, als Einladungsrennen für max. 10 Teams – und Top 10 klingt schonmal nicht schlecht, also: alle hin da!

Im Ansatz roots-down, war das Roadbook (lustiger Name für eine Kombi aus Rough Water Swim und Trailrunning 🙂 ) super vorbereitet.
Mit Fix (Francois‘ Nickname) teilte ich auch die Humpelei durch den Winter, später Saisonstart (1. Februar) und das fortgeschrittene Alter (hüstel). Über meine Schwimm-Talente (Kategorie: Treibholz) habe ich ihn informiert und meine Laufzeiten durchgegeben – der Rest ist Ausprobieren & Erleben. Wer übt, ist feige 🙂 …

Anreise, Freitag.

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Nix nach Nizza. Zumindest flugtechnisch ab STR/FRA nicht, da in Frankreich alles auf Paris zentralisiert ist. Nach etwas Recherche stand dann der Plan: billiger Mietwagen nach Straßburg, dort Billigflieger nach Nizza, dort Billighotel. Nachdem auch nie die Rede von Startgeld war sollte das ein schöner Low-Budget und back-to-the-roots Ausflug werden (wobei das ja nicht stimmt, wir „Schläufer“ – deutsch für Swimrunner – sind ja gerade eher an den Anfängen der Verbreitung das Sports).

Bis auf das 2** Hotel, das mir sehr deutlich zeigte warum ich immer ab 4 Sternen unterwegs bin, hat alles geklappt und an der Promenade d’Anglais habe ich schon mal meine Markierung für den Ironman Nizza 2017 gesetzt.FullSizeRender.jpg
Fix gönnte sich mit seiner Frau Maryse noch 3,5 h Ryanair-Verspätung und kam am frühen Samstagmorgen an.

Pre-Race, Samstag.

Großes Hallo, guter Kaffee, gutes Essen, gutes Wetter, etwas Touristen-Schocken (gemeinsames Testtraining in Kampfmontur an der Promenade).

Abends dann das Race Briefing. Habe nicht sonderlich viel verstanden – war ja auf Französisch – und damit Zeit gehabt, die anderen Teams zu begutachten: eigentlich alle hatten diesen merkwürdigen Körperbau vom Typ „Schwimmschrank“ und viele davon Team-Polos mit „Natation Olympique“ und Sponsorenlogos drauf – unser 10. Platz schien also gesichert zu sein und meine Swimrun-Tradition des DLF (dead last finish) gewahrt.
Maryse kannte ein paar der Leute und wies uns vorsichtshalber noch darauf hin, dass wir auf 500m Freiwasser von denen ungefähr 250m abgenommen bekommen… womit das Kopfrechnen begann: bei 5,7 km Schwimmen wären das schon mal 50 Minuten Rückstand im Wasser.
Das nahmen wir sportlich-explorativ, Treibholz-Mic hatte ja immer noch die Abschlepp-Vorrichtung fürs Schwimmen und Fix als stärkerer Schwimmer würde es schon richten…

Race: Boot Camp.

Ein Boot Camp ist eine eintägige intensive Ausbildung… das Wetter war trocken und das Wasser frisch und für mich dennoch erträglich. Hat die Abhärtung in Schweden doch was gebracht 🙂
Die Strecke startete mit Schwimmen und immer der Steilküste entlang nach Monaco – solange also das Meer rechts und die Klippen links sind ist alles in Ordnung!

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Der Kurs selbst war ohne Markierungen, man musste also seine Orientierung selbst regeln. Lediglich im Wasser gab es eine gelbe Boje, die mit dem Rennverlauf von Schwimmziel zu Schwimmziel per Boot gebracht wurde

An zwei Checkpoints wurde die Zeit angehalten und die Teams gesammelt für den nächsten Neustart.

Teil 1:  Reservé – Grasseulle

Am Vortag habe ich versucht, mir die „Landing Zone“, also das Schwimmziel vorzubereiten. Es gab graue Felsen mit Brandung und links hinter dem grauen Felsen wieder an Land – na hurra, hoffentlich finden wir das.

Dann ging es los, das Rennen fühlte sich gut an und zwar für etwa 50 Meter. Dann löste sich unser Abschleppseil, zurechtfeilen im Wellengang, Weiterschwimmen, Landing Zone nicht finden, zurückschwimmen, loslaufen.
Positiv: Wellengang war OK für mich – aber hier ging es noch gerade an der Küste entlang…

Der erste Lauf war OK, sehr verwinkelt und toupiert und wir konnten noch andere Teams vor uns sehen. Immerhin!

Dann Schwimmen im linken Bogen der Küste entlang. Der Wellengang „draußen“ im Meer war OK doch Fix schwamm als „natural swimmer“ eher Kampflinie an der Brandung entlang. Kurzum: die dort aufgekabbelten Wellen a.k.a. Waschmaschine taten mir nicht gut und ich begann, die Panikattacken zu zählen… und Fix beim Fluchen zuzuhören. Nebenbei versuchte Maryse, mich vom Begleitboot aus zu coachen: „HEAD DOWN, MICHAEL!!!“

Laufen wieder OK, dann in eine Bucht (hach, wie ruhig!) und nach dem nächsten Lauf die längste Strecke bis zum Checkpoint geschwommen. Puh!

Teil 2: Grasuelle – Les Fosses

Zwei lange Läufe, ein Schwimmen, war OK und vor allem waren wir wieder in Gesellschaft – wo, wenn nicht hier mussten wir den Schwimmern auch davonlaufen! Aus taktischen Gründen von vorne angegangen (Sicht im Trail). Bei den mediterranen Uferwegen dachte ich mir noch OK – solange sie trocken sind… Schwimmen war solo ohne Seil – das war eine blöde Idee, da wir zwei zu unterschiedliche Schwimmer waren.

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© Swimrun the Riviera Nice-Monaco
Teil 3: Les Fosses – Cap d’Ail

Jetzt war der Regen und der Wind da – im Checkpoint verkrochen sich die Teilnehmer in die Minivans, ich zog mir den Neopren an Land wieder an um nicht zu frieren und alle versuchten zu Kräften zu kommen.

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rough water. Foto © Swimrun the Riviera Nice-Monaco

Es folgten die drei härtesten Abschnitte:

  1. Schwimmen linksherum gegen die Steilküste. Zumindest kannte ich das Drama schon und hier haben wir auch etwas gehämmert – fühlte sich surreal für mich an, in einem Rough Water Rennen im Pack zu schwimmen und nicht abgehängt zu werden! Das lag wohl an der Erschöpfung der Schwimmer vom Laufen und der Kälte am Checkpoint. Gegen Ende des Schwimmen zogen sie dann an mir vorbei – wow, was für eine Demonstration!
  2. „Laufen“ hart an der Küste entlang. Zunächst kam ich aus der Waschmaschine und wollte mich hinstellen – umgefallen. Noch mal hinstellen – noch mal umgefallen. Mein Gleichgewichtssinn war hinüber und so torkelte ich über zwei Kilometer los, wo runder Schotter am Wasser der einfachste Belag war, dazu ständiges Auf-und Ab.
  3. Schwimmen hart linksrum an der Steilküste – siehe oben.
  4. Trailrun oder Kletterpartie, das ist hier die Frage. Am Ende eine Mischung. Lustig auch wenn du vom Schwimmen kommst, vor dir ist eine Wand und ein Seil hängt runter :-). Dumm nur das am Ende meine Orientierung so schlecht war, dass zwei Teams aufschließen konnten 😦

Das das letzte Schwimmen wieder solo – gut für den Kopf – und das große Finale, wo wir die Schwimmer wieder niederrrenen können.

Hat geklappt bis wir uns verlaufen haben. Und manchmal muss man in einem Rennen halt mal an einer Tür klingen und nach dem Weg fragen! Was mag sich der gute Mann bei den beiden nassen Gestalten in Turnschuhen und Neo gedacht haben…

So sind wir gen Ziel gelaufen und haben 300m davor noch ein Team überholt. Ein Rennen ist halt docherst an der Linie vorbei!

Am Ende wurden wir stolzer Fünfter. Keine Ahnung wie das passieren konnte 🙂

Post-Race

Es war… heftig. Und hart. Vor allem aber: ab-ar-tig EPISCH!

Im Ziel hatte ich auch ein gutes Gefühl – von Stolz, da durchgekommen zu sein. Gelernt habe ich zwei Dinge:

  1. Trailrunning heißt nicht, mal kurz in den Wald abzubiegen
  2. Ich kann Schwimmen! Und weiß dank Maryse nun auch, was ich tun kann um hier „natürlicher“ unterwegs zu sein.

postscriptum

… und danach stellte ich fest, wer da so alles dabei war – wir reden vom ehem. Freiwasser-Weltmeister, Teamrekordhaltern im Ärmelkanalschwimmen und mein Partner Fix ist 3-facher Ö till Ö Finisher. Und ich kam nicht komplett unter die Räder – geht doch 😉 😉 😉

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2 Gedanken zu “Boot Camp: Swimrun von Nizza nach Monaco

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